Über emuc

 emuc - die Geschichte eines erwachsenen Scheidungskindes
(Bilderinfos werden angezeigt, wenn man die Maus darüber plaziert)

emuc und Schwester (ca.1968)Ich war damals 4 Jahre alt (1968), als sich meine Eltern scheiden ließen. Meine Mutter hasste meinen Vater noch viele Jahre nach seinem Tod, für all das Schlimme was er ihr angetan hat (Fremdgehen, Alkohol, Glücksspiel etc.). Eigentlich das ganze Programm, was man wirklich niemanden wünscht.

Mein Vater versuchte anfangs sehr häufig, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Da meine Mutter 2 Jahre nach der Scheidung wieder heiratete und in eine andere, weiter entfernte Stadt zog, wurden die Treffen mit meinem Vater immer weniger. Auch weil ich den Kontakt zu ihm mehr und mehr abbrach, obwohl mich (nach Außen hin) meine Mutter nicht direkt beeinflusste. Ich denke im Nachhinein, dass ich ihren Hass als Kind deutlich spüren konnte, diesen übernahm und mich deshalb mehr und mehr von ihm zurückzog. Auch wurde seinerzeit nie über das Thema Scheidung gesprochen. Ich wurde nicht darüber aufgeklärt und erst nachdem die 2. Ehe meiner Mutter geschieden wurde als ich 15 oder 16 war, setzte ich mich mit dieser Thematik wieder  etwas mehr auseinander aber verdrängte auch viel, weil es mir so ja vorgelebt wurde. Unternahm dann doch einen Vermittler-Versuch die 2. Ehe aufrecht zu erhalten, wohl aus einem inneren Wunsch heraus eine "Heile-Welt-Familie" haben zu wollen und scheiterte hier selbstverständlich kläglich daran.

emuc mit 16 (ca.1980)Ca. ein Jahr später unternahm ich einen Selbstmordversuch, der wohl eher als eine Art Hilferuf zu werten war. Ich kann nicht genau sagen, inwieweit meine damals starken Migräneattacken eine Rolle spielten, jedenfalls empfand ich eine Ohnmacht, als ich nach einem 1-tägigen Klinikaufenthalt wieder nach Hause entlassen wurde, weil meine Mutter massivst die Klinik mit einem Gang an die Öffentlichkeit unter Druck gesetzt hatte. Als ich zu Hause ankam, kam es mir so vor, als hätte sich nichts verändert. Alles war beim Alten. Auch dieser Hilfeschrei wurde in der Familie erstmal übergangen oder gar nicht ernst genommen. Hierzu muß ich sagen, dass meine Mutter selbst so erzogen wurde, dass es keine Krankheiten (vor allem keine psychischen) gibt und dass man zu „funktionieren“ hat, egal wie schlecht es einem geht. Auch schottete sie Hilfe von außen vehement ab. Eine psychologische Hilfe kam für mich deshalb zu dieser Zeit nicht in Frage, obwohl ich diese Hilfe von außen sehr gebraucht hätte...

Ich fing an, das Ganze zu verdrängen und versuchte dann lange Jahre zu „funktionieren“ im beruflichen wie im privaten Bereich. Ich lernte meine damalige Frau kennen und heiratete sie. Zur Hochzeit lud ich auch meinen leiblichen Vater ein. Als meine Mutter dies erfuhr, und mitteilte, dass sie nicht teilnehmen würde, wenn mein Vater käme, lud ich ihn wieder aus. Es war für mich sehr beschämend, als er verständlicherweise mir seine Enttäuschung darüber offen zeigte. Dieses Ereignis macht sehr deutlich, dass ich meinen unbekannten Vater, obwohl kaum getroffen, nach wie vor eine wichtige Rolle in meinem Leben spielte, auch wenn ich in der 2. Ehe einen Stiefvater hatte, der für mich aber nie den leiblichen Vater wirklich ersetzen konnte, obwohl wir Kinder ihn als "Papa" oder "Paps" ansprechen durften.

Meine Frau und ich wünschten uns sehr ein gemeinsames Kind. Als sie schwanger wurde und einen Abgang erlitt, war das, nach meinem Empfinden, der Anfang vom Ende unserer Ehe. Nach insgesamt 13 Jahren des Zusammenseins, davon 7 Ehejahren, trennten wir uns im beiderseitigen Einvernehmen, wohl auch, wie ich glaube, weil wir dieses Trauma nicht wirklich überwinden konnten. Seltsam daran war, dass wir uns im Jahr 2000 trennten und uns erst im Jahr 2006 endgültig zu einer Scheidung auf dem Papier durchringen konnten. Später las ich darüber in einer Langzeitstudie, dass dies für sog. „erwachsene Scheidungskinder“ nichts ungewöhnliches sei, eine eigene Scheidung hinauszuzögern, weil man sich ein Scheitern nicht gerne selbst eingestehen möchte. Es ja seinen Eltern nicht gleichtun möchte. Zudem verdrängen Scheidungskinder eben sehr gerne, weil sie nicht die alten, nicht wirklich verheilen wollenden Wunden wieder aufreissen wollen. Es tut nunmal unheimlich weh, umso länger man das ganze Thema verdrängt hat.

Mein erstes Treffen nach über 10 Jahren (v.l.n.r.: emuc, Vater, Schwester m.Sohn, ca.1987)Wenn ich so zurückblicke, habe ich meinen Vater kaum kennengelernt. Ich traf ihn in meinem Leben insgesamt vielleicht 4 oder 5 mal für ein Wochenende. Es gab somit wenig Versuche der Annäherung. Auch waren diese Treffen immer sehr fragil. Nachdem ich meinen Vater nach 10 Jahren Pause wiedersah und erfuhr, dass auch seine 2. Ehe aufgrund  Fremdgehens scheiterte, kam in mir diese alte Wut und auch der Hass wieder hoch und ich ging sofort erneut auf Abstand zu ihm.

Als in späteren Jahren eine gute Freundin mich mehrmals auf meinen Vater ansprach, ich war mittlerweile 36 Jahre alt, setzte das erste Mal ein Wandel ein. Mir wurde schnell klar, dass auch ich meinen Vater verurteilt hatte, obwohl er eigentlich für sein Leben, so wie er es geführt hatte, selbst verantwortlich war. Ich rief ihn ein halbes Jahr vor seinem Tod an und erfuhr, dass er mit 59 Jahren bereits 2 Herzinfarkte und einen Schlaganfall erlitten hatte und das Sprechen erst wieder erlernen musste. Ich traf mich mit ihm und entschuldigte mich, dass ich ihn verurteilt hatte und den Kontakt abbrach. Er weinte. Ich versprach ihm, ihn baldmöglichst wieder zu besuchen. Leider ergab sich das 2. Treffen erst ein halbes Jahr später. Ich rief ihn an und er freute sich sehr darüber, dass ich ihm bei diesem kommenden Besuch meine damalige Freundin vorstellen wollte. Ich glaube im Nachhinein, dass es der Versuch von mir war, immer noch wenigstens eine kleine "heile Welt" damit herstellen zu können.

Als wir vor seiner Tür standen, öffnete niemand, obwohl der Fernseher lief. Ich rief meine Halbschwester an, die einen Zweitschlüssel hatte. Ich fand kurz darauf meinen Vater in einer überschwemmten Wohnung vor. Er erlitt Stunden zuvor einen tödlichen Herzinfarkt. Ich möchte dieses Erlebnis nicht detaillierter schildern, jedoch brannte sich der Anblick meines toten Vaters in mir ein und ich träumte lange Zeit davon. Als wir dann auf den Notarzt warteten und ich alleine in seiner Wohnung stand, fiel mir eine Sache besonders auf: Überall hatte er Bilder von seinen Kindern aufgehängt oder am Schreibtisch stehen. Später traf ich dann meine Tante väterlicherseits (auch mit ihr bestand lange Zeit kein Kontakt), die mir erzählte, wie sehr er darunter gelitten hätte, dass ihn seine Kinder nicht mehr sehen wollten und er immer wieder versucht hätte, den Kontakt aufrecht zu erhalten (was ich bis dato nicht so gesehen habe). Ich wurde zur Beerdigung eingeladen und war sehr erstaunt darüber, dass mich zahlreiche Gäste ansprachen und mich fragten ob ich der Sohn sei, weil ich sehr meinem Vater ähneln würde (Reden, Aussehen, Gestik etc.). Als ich mich im späteren Verlauf eingehender mit diesen Leuten unterhielt, offenbarte sich mir ein ganz anderes Bild meines Vaters. Sie erzählten Anekdoten über ihn und gaben mir dadurch eine neue Sichtweise. Dieser Mann hatte nicht nur, wie ich lange Zeit glauben wollte, negative Seiten an sich. Ich empfand das erste Mal in meinem Leben eine Art von Stolz, der Sohn dieses Mannes gewesen zu sein. Und zugleich empfand ich es beschämend, nicht bereits viel früher, mir selbst ein objektives Bild von meinem Vater gemacht zu haben. Schlimm für mich war die Erkenntnis, dass ich meinen Vater "wiedergefunden" hatte und ihn kurz darauf für immer verlor.

Das letzte Foto meines VatersNach der Beerdigung fragte ich meine Mutter, wie es wohl für sie war, wenn sie mir in die Augen sah, immer in die Augen des verhaßten Ehemanns blicken zu müssen. Sie gab mir lange Zeit keine Antwort darauf. In dieser Zeit fiel mir auch auf, dass sie mich als Kind selten in ihre Arm schloß. In meinen Beziehungen fehlte mir lange Zeit diese wichtige Form, meine Gefühle auszudrücken zu können. Oft wurde dieses kühle Verhalten von meinen Partnerinnen kritisiert. Ich dachte lange Zeit, dass ich halt so bin wie ich bin. Erst von da an wurde mir immer klarer, dass es sich um eine Prägung handeln müsse, also ich dieses Verhalten doch auch ändern könne.

Diese Erlebnisse waren einerseits sehr schmerzlich und andererseits wiederum sehr heilsam für mich. Mein Vater war sicherlich ein schlechter Ehemann in jungen Jahren, so hielt er doch Zeit seines Lebens an der Liebe zu seinen Kindern fest. Ich lernte endlich zu differenzieren. Ich muss gestehen, dass aufgrund dieser Erfahrung ich mich erst ab diesem Zeitpunkt... GANZ fühlte, weil ich endlich, wenn auch sehr spät, diese verleugnete Seite in mir, also einen wichtigen Teil von mir selbst, endlich mehr annehmen konnte. Mit meiner Verurteilung und Hass ihm gegenüber habe ich mich all die Jahre selbst verurteilt. Es waren im Nachhinein betrachtet ungewöhnliche Zufälle, die es mir ermöglicht haben, mit meinem Vater fast zu spät, also mit seinem Tod, einen inneren Frieden finden zu können. Ich bin ihm dafür sehr dankbar und hoffe und wünsche mir sehr, dass diese Form der Entfremdung und die daraus resultierenden Erlebnisse und Prägungen einem jedem Kind erspart bleiben mögen.

Kurze Zeit später kündigte ich meine sichere Anstellung nach ca. 19 Jahren fester Betriebszugehörigkeit und löste auch meine damalige Beziehung. Wenn man so will, war es ein Rundumschlag, oder besser gesagt, ein kompletter Zusammenbruch meines bisherigen Lebens. Auch fühlte ich mich immer noch als Fremder, als „Heimatloser“. Seinerzeit beschrieb es mein Hausarzt als „Burn-out“-Syndrom. Zudem bekam ich dann auch noch verstärkt Depressionen und wusste nicht mehr recht, etwas sinnvolles mit meinem Leben anzufangen. Ich empfand es seinerzeit so, als wäre ich eine "tickende Zeitbombe" gewesen, die gerade dann gnadenlos und mit aller Gewalt explodierte, wo ich es am allerwenigsten in meinen bisher scheinbar "funktionierendem" Leben erwartet hätte. Ich mache das jahrelang andauernde Verdrängen dafür verantwortlich. Als Kind empfand ich, im nachhinein betrachtet, dieses Verdrängen noch als etwas Gesundes. Jedoch im jugendlichen Alter und später, besonders in eigenen Beziehungen verwandelte es sich (umsolänger dieser Zustand eben andauerte) zu etwas sehr Schädlichem für mich.

Wichtig ist mir, dass meine Geschichte nicht als Abrechnung verstanden wird. Ich will damit nicht meine Eltern anprangern oder verurteilen. Das liegt mir mehr als fern. Ich liebe heute beide von ganzem Herzen! Es ging mir vielmehr darum, mehr und mehr die Zusammenhänge verstehen, Dinge auch beim Namen nennen und somit positive Veränderungen für mein restliches Leben herbeizuführen zu können. Es war mir möglich, weil ich durch den Tod meines Vaters förmlich dazu gezwungen wurde, meine "Altlasten" mir endlich genauer ansehen zu können (verdrängte also nicht mehr länger). Dieser Zusammenbruch ermöglichte mir zudem, obwohl doch sehr schmerzhaft, meine negativen Prägungen fast ganz in späteren Jahren auflösen zu können. Eltern können sicherlich frühzeitig eingreifen und mögliche Spätfolgen weitestgehend ausschließen oder abmildern, aber nur dann, wenn diese auch genügend aufgeklärt sind. Jedoch glaube ich, wie man immer die Eltern seiner Kinder bleibt, dass man immer auch ein Scheidungskind bleiben wird, ein Leben lang.

Ich als erwachsenes Scheidungskind möchte mit meiner Geschichte und dem Gang an die Öffentlichkeit einen kleinen Beitrag leisten und die Menschen unterstützen, die sich engagiert für betroffene Kinder einsetzen und wichtige Aufklärungsarbeit leisten. Immer wieder stelle ich fest, dass kaum Eltern darüber informiert sind, obwohl seit meiner Kindheit 40 Jahre vergangen sind und es in den letzten Jahren immer mehr aussagekräftigere Langzeitstudien gibt, die beweisen, dass meine Geschichte kein Einzelfall ist. Die wohl bekannteste und aussagekräftigste ist die von Wallerstein mit einer Laufzeit von 25 Jahren. Hier ein kurzer Auszug einer Buch-Rezension:
Noch konsequenter räumt die Studie mit einem zweiten Mythos auf: Nämlich der Vermutung, bei einer Ehescheidung handelt es sich aus der Perspektive der Kinder nur - wie man Jahrzehnte vermutete - um eine vorübergehende Krise, die auf die unmittelbare Zeit nach der Scheidung begrenzt ist. Die Langzeitstudie zeigt, dass erst im Erwachsenenalter die Scheidungskinder am stärksten leiden. „Die Wucht der elterlichen Scheidung trifft sie besonders grausam im Rahmen ihrer Suche nach Liebe, Bindung und sexueller Intimität." (S. 304 f.) Erst vom dritten zum vierten Lebensjahrzehnt gelingt es vielen Scheidungskindern, ihre Furcht vor Verlust und Vertrauensbruch zu überwinden. Mehr darüber hier: Judith S. Wallerstein: Scheidungsfolgen: Die Kinder tragen die Last

Auch heute noch wird leider noch viel verdrängt zu Ungunsten der Kinder. Zudem erschweren aufklärungswilligen Eltern "Gute-Gewissen-Scheidungs-Bücher" von manchen ignoranten & verantwortungslosen Psychologen und/oder Hobby-Buchautoren (gut erkennbar daran, weil sie diese wichtigen Langzeitstudien gänzlich ausklammern!) eine klare Sicht der Dinge. Mögen also Eltern noch so rücksichtsvoll sein, ihre Kinder auch noch so sehr lieben und ganz sicher sogar das "Beste" für ihre Kinder wollen, so erlebe ich immer wieder, dass sie noch immer in die selbe Falle tappen, wie seinerzeit meine Eltern (wo es ja kaum Aufklärung darüber gab)...weil destruktive Gefühle wie Hass und diese ablehnende Haltung so auch an die Kinder mehr oder weniger bewusst weitergegeben werden. Sicherlich ist es sehr schwer, zu verzeihen und zu differenzieren, wie ich es selbst erst sehr spät lernen musste. Nur sollten alle Geschiedenen im Interesse ihrer Kinder sich klar machen, dass ein menschliches, jedoch sehr egoistisches Verhalten mögliche Spätfolgen für ihre Kinder bedeuten kann.

Ich bin überzeugt: Ein jedes Kind hat grundsätzlich immer das Recht darauf, soviel Liebe bekommen zu dürfen in seinem Leben, egal von wem diese Liebe stammt, weil es diese für seine positive Entwicklung einfach braucht. Niemand sollte aus persönlichen, negativen Gefühlen heraus, z.B. dem anderen Elternteil gegenüber, diesen wichtigen Kontakt zum Kind ganz unterbinden oder einschränken, weil wie meine Geschichte ja deutlich aufzeigt, sich dies sehr nachteilig besonders auf die auswirken kann, die man doch am meisten liebt. Besonders ein Trennungs-/Scheidungskind braucht beide Eltern...


emuc heuteemuc aus München heute,
Betreiber des Selbsthilfe-Forums für
erwachsene Scheidungskinder:
www.eskhilfe.de.vu

 

 (c) emuc

 

 

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